Anthroposophie und Nationalsozialismus
Rückblick auf den Dialogabend mit Prof. Dr. med. Peter Selg am Goetheanum am 3. März 2026
Mehr als zehn Jahre Arbeit stecken in den Studien von Peter Selg, Susanne H. Gross und Matthias Mochner zur Anthroposophischen Medizin im Nationalsozialismus. Zwei der drei insgesamt rund 2500 Seiten starken Bände sind inzwischen im Schwabe-Verlag erschienen („Die anthroposophische Ärzteschaft“ und „Weleda und Wala. Die anthroposophischen Arzneimittelfirmen 1933-1945“); der dritte Band „Anthroposophische Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945“ folgt im Sommer 2026.
Rund 150 Menschen waren online und vor Ort am Goetheanum in Dornach, Schweiz, dabei, als Peter Selg über die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sprach.
Sektionsleiterin Marion Debus erklärte einleitend, dass sich der Referent nicht erst seit dem Auftrag der Akademie der Gesellschaft Anthroposophischer Ärztinnen und Ärzte in Deutschland und der Medizinischen Sektion, die Tätigkeit und Entwicklungen der Anthroposophischen Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik im Dritten Reich zu untersuchen, mit dem Thema befasst habe: Als Dozent an der Universität Witten/Herdecke und der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter, Deutschland, hatte er bereits seit Jahren regelmäßig Exkursionen in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau organisiert und begleitet.
Elemente der Kooperation und Resistenz
Es liegt den Studien viel Recherche in zahlreichen öffentlichen, privaten und Unternehmens-Archiven zugrunde, so Peter Selg: „Von Anfang war die Absicht, nicht nur etwas aufzuarbeiten aus der gewordenen Zeit, sondern es zur Verfügung zu stellen für die werdende Zeit.“ Das Studienteam sichtete historisches Material wie Patientenakten aus anthroposophischen Kliniken und heilpädagogischen Heimen, SS-Archiveinträge und private Briefe im Zusammenhang mit rund 600 Ärzt:innen, die der Anthroposophischen Medizin jener Zeit zugeordnet werden konnten. Dabei ließen sich sowohl Elemente der Kooperation wie auch Resistenz gegen das Regime innerhalb der anthroposophischen Ärzteschaft finden.
Allerdings sei allein schon die Definition eines anthroposophischen Arztes, einer anthroposophischen Ärztin damals nicht so eindeutig gewesen wie heute, weil es weder vergleichbare Ausbildungsrichtlinien noch Zertifikate gab. Auch die Beweggründe beispielsweise für ein Eintreten in die NSDAP könnten heute nur noch schwer nachempfunden und nicht ohne Weiteres moralisch bewertet werden, weil insbesondere anthroposophische Ärzt:innen spätestens seit dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft unter der Nazi-Herrschaft unter Beobachtung standen und Repressalien fürchten oder erleiden mussten.
Vor allem Friedrich Husemann, Gründer der gleichnamigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Buchenbach, Deutschland, und Ita Wegman, erste Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum und der anthroposophischen Klinik in Arlesheim, Schweiz, hob Peter Selg aufgrund des vorliegenden Materials als entschiedene Gegner der Kooperation mit dem Regime hervor.
Medial starker Fokus auf Kollaborateur:innen
Dass medial auch nach der Veröffentlichung dieser Studie bisher ein starker Fokus auf Kollaborateur:innen gelegt werde, während Resistenz und Eigenständigkeit anthroposophischer Ärzt:innen, Pharmazeut:innen und Heilpädagog:innen weniger thematisiert würden, bedauerte Peter Selg. Zwar habe das NS-Regime auch um "Naturärzte" und eine Erweiterung der Schulmedizin geworben, was dem Leitgedanken eines möglichst leistungsfähigen und wehrhaften Volkes entsprach, wodurch im öffentlichen Diskurs auch anthroposophische Ärzt:innen zum Teil als Profiteur:innen der Nazi-Herrschaft dargestellt würden. Doch den anthroposophischen ideellen Überbau hätten die Nazis grundsätzlich abgelehnt, was auch in den Überwachungsberichten des Reichs-Sicherheitsdienstes (SD) deutlich zum Ausdruck komme.
„Es gab Einzelne der rund 600 Ärztinnen und Ärzte, die diesem Regime und der Partei positiv gegenüberstanden oder gar mit Uniform zur Arbeit kamen. Diese wenigen wurden aber mit größtem Befremden innerhalb der anthroposophischen Ärzteschaft angeschaut.“
Sigmund Rascher, der zum Teil tödliche Experimente mit Unterdruck und Kälte an KZ-Häftlingen durchgeführt hatte und später selbst aus anderen Gründen seitens der Nationalsozialisten inhaftiert und hingerichtet wurde, sei zwar Waldorfschüler gewesen und habe in Dornach am Goetheanum Elemente der Anthroposophischen Medizin kennengelernt und zunächst noch damit gearbeitet und geforscht. Ob oder inwiefern man ihn bis zuletzt aber der Gruppe der anthroposophischen Ärzte zuordnen könne, stellte Peter Selg in Frage. So habe Rascher unter anderem seinen eigenen Vater wegen Besuchen in Dornach bei der Münchner Polizei angezeigt und seinen eigenen anthroposophischen Hintergrund verleugnet: „Er wollte deutlich seine Brücken zum Anthroposophischen abbauen, um bei der SS Karriere zu machen. Einen anthroposophischen Arzt würden wir ihn nicht nennen, aber auf jeden Fall jemanden, der eine Ahnung davon hatte. Trotzdem: Es hat ihn nicht gehalten, in diesen Abgrund zu gehen und dieses zu tun, was er in der brutalsten Weise an diesen wehrlosen Häftlingen getan hat.“
Mehrheit handelte verantwortungsvoll
Nach Peter Selgs Erkenntnissen aus der Studie überwog im Gros die Überzeugung der anthroposophischen Ärzteschaft und Pharmazeut:innen, auch im Nationalsozialismus mit dem weiterzumachen, was man menschenkundlich-medizinisch und ethisch für richtig hielt. Zwar hätten sie sich in ihrem Selbstverständnis als anthroposophisch agierende Ärzt:innen nicht mehrheitlich aktiv gegen das Regime aufgelehnt, aber dennoch als eine kleine „Ausnahmegruppierung" beispielsweise das Konzept der Eugenik entschieden abgelehnt und die Sterilisation von als minderwertig stigmatisierten Menschen überwiegend nicht durchgeführt. Auch in psychiatrischen Kliniken seien Diagnosen, die zur Gefahr für die Patient:innen werden konnten, vermieden worden. Peter Selg schloss allerdings nicht aus, dass behandelnde Ärzt:innen beispielsweise auch in der Husemann-Klinik unter der Protektion von Fürsprechern innerhalb des NS-Regimes gestanden haben könnten, weil einzelne Nationalsozialisten möglicherweise von den Behandlungen anthroposophischer Ärzt:innen individuell oder im Familienkreis profitierten und diese im Gegenzug schützten, wie es beispielsweise im Fall des SS-Gruppenführers Otto Ohlendorf in einem anderem Zusammenhang nachgewiesen werden konnte.
Auf die Frage aus dem Zuhörerkreis, in welchem Bereich nach dieser umfangreichen Studie noch weitere Forschung nötig sei, sagte Peter Selg, diese Studie habe „bearbeitet, was sie versuchte, zu bearbeiten“ – auch, weil nach derzeitigem Kenntnisstand nicht viel mehr Material zu dieser Thematik aufzufinden sei. Allerdings sei für ihn noch offen, auf einer übergeordneten, ideellen Ebene die Anthroposophische Medizin und andere Medizinschulen und -bewegungen zu erforschen, im Sinne einer „medizinischen Anthropologie der Zukunft“, anstatt isoliert das Verhalten einzelner Akteur:innen aus zwölf Jahren NS-Zeit zu betrachten. Auf dieser Grundlage könnte seiner Ansicht nach eine neue Grundsatzdiskussion für die Zukunft gestaltet werden.